Warum wird ein Mann Freimaurer?

„In mein‘ Verein bin ich hineingetreten, weil mich ein alter Freund darum gebeten, ich war allein…“ Mit diesem Satz begann Kurt Tucholsky (1927) sein Stück „Das Mitglied“. Tucholsky war Freimaurer. Und gerade deshalb kann er mit dem „Verein“ die Freimaurer-Logen nicht gemeint haben. Denn sie fordern niemanden zur Mitgliedschaft auf. Gebeten wird der Suchende, wie wir den Interessierten nennen, nur und erst dann, wenn die Bruderschaft der Loge ihn der von ihm beantragten Aufnahme für würdig erachtet. Weil sein Ruf, weil seine Begründung, weil das Persönlichkeitsbild, das die für ihn Bürgenden gewonnen haben, die versammelte Bruderschaft überzeugt haben.

Wenn ich mich unter meinen Brüdern umhöre, so waren die äußeren Anlässe für deren Bitte um Aufnahme vielfältig. Ein Grund scheint häufiger zu sein als andere: Die Bekanntschaft mit einem Manne, den man mochte, und der dann irgendwann einmal offenbarte, er sei Freimaurer. In keinem Falle aber hatte „ein alter Freund darum gebeten“.

Indes, die Worte „ich war allein“ sind für etliche Suchende durchaus von Belang. Mögen auch die äußeren Anlässe vielfältig sein, der innere Anlass stimmt weitgehend überein: ln unserer Gesellschaft nimmt die Zahl derjenigen zu, die einen Mangel an Mitmenschlichkeit und Kommunikation, an Toleranz, an Solidarität und an Nächstenliebe empfinden; und sie leiden darunter.

Die Segnungen der Technologie, welche die meisten von uns doch durchaus zu genießen bereit sind, haben ihre Kehrseite. Man bedenke nur, in wie vielen der uns immer geläufiger werdenden neuen Wörter der (aus dem Griechischen stammende) Wortteil „Tele-“ vorkommt (tele = fern, weit). Wir entfernen uns voneinander, inzwischen auch in der Berufswelt, dort, wo wir gleichzeitig in besonderer Weise der Wettbewerber des „Nächsten“ sind.

Das alles lässt nach Gemeinschaft mit jenen suchen, die sich der Brüderlichkeit verschrieben haben, nicht nur der Brüderlichkeit im eigenen Kreise. Wir Freimaurer haben da gewiss kein Prärogativ. Aber (auch) wir sind eine solche Gemeinschaft.

Freimaurerei hatte immer eine wichtige Quelle im Mangel an Toleranz, an Solidarität und an zu geringer Freiheit in der Gesellschaft. Jener Mangel führte und führt Männer eines guten Willens zueinander, Männer aus nahezu allen Berufen, so Handwerker, Kaufleute, Wissenschaftler aller Disziplinen, Geistliche, Diener des Staates als Beamte oder Soldaten.

Aus den mittelalterlichen Dombauhütten sind die Logen entstanden, geistige Schutzhütten wohlmeinender, freiheitsliebender und anderer Meinung gegenüber aufgeschlossener Männer sind sie heute. In ihren Tempeln, den rituellen Versammlungsräumen, arbeiten die Freimaurer in brüderlicher Gemeinschaft daran, ihr eigenes Ich zu entdecken, es zu entwickeln, um zu einem für die menschliche Gesellschaft (noch) nützlicheren Wesen zu werden. Nützlich für jede soziologische Gruppe, sei es die Familie, sei es die Kollegenschaft, sei es die Gemeinschaft derjenigen, die der gleichen Nation angehören oder unter ihrem Schutz leben, sei es die Weltgemeinschaft, in der es so viel Elend gibt. Und das alles geschieht nicht etwa plakativ, sondern im Stillen, ein jeder arbeitet an sich selbst, in der Überzeugung, dass der Weg so wichtig ist wie das Ziel.

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